Das Projekt Lingusti – Sprachförderung für mehrsprachige Grazer Kinder zwischen 4 und 8 Jahren

Salutogene Sprachförderung samstags im Seddwell-Center Graz

Zwischen Oktober 2025 und Juni 2026 bot das Projekt Lingusti – die kreative Sprachwerkstatt wöchentlich einen offenen, freiwilligen Begegnungsraum für mehrsprachige Kinder im Alter von 4 bis 8 Jahren und ihre Familien sowie Studierende der Pädagogischen Hochschule Steiermark.

Bei Lingusti erfolgt das Lernen der Zweitsprache informell, was v.a. bei den jungen Kindern sehr erfolgreich ist, da die sprachliche Entwicklung eng mit sozialen, emotionalen und körperlichen Erfahrungen verknüpft ist. Vor diesem Hintergrund stellt das außerschulische Sprachförderprojekt Lingusti- die kreative Sprachwerkstatt des Vereins SprachSchatz ein Praxis- und Forschungslabor dar, in dem Studierende und Kinder gemeinsam sprachliche Lernprozesse gestalten (Rotter 2021, Rotter & Hopp 2020). 

Das Lernen erfolgt in authentischen Interaktionssituationen und ist durch einen impliziten, handlungsorientierten Zugang geprägt. Jede Interaktion wird als potenziell spracherwerbsförderlich verstanden. Die sprachliche Förderung vollzieht sich insbesondere über gemeinsame Aktivitäten, Bewegungs- und Handlungssituationen sowie kreative Zugänge, die genutzt werden, um sprachliche Formen im Sinne eines Focus on Form (Long 1991) in den Aufmerksamkeitsfokus zu bringen. Dies erfolgt im Sinne einer geplanten Spontaneität entlang der lokalen Verben (Bryant 2012). Die Mehrsprachigkeit der Kinder wird dabei konsequent als Ressource einbezogen und sichtbar gemacht. 

Das Projekt integriert zudem eine salutogene Perspektive (Antonovsky & Franke 1997, Krause 2011, Petzold 2020/2024). Die Salutogenese richtet den Blick auf die Ressourcen und gesundheitsförderlichen Kräfte im Menschen. Im Kontext von DaZ bedeutet dies, eine ressourcenorientierte Haltung einzunehmen, um Kinder im Zweitspracherwerb wirkungsvoll zu begleiten. Bei Lingusti werden aufbauende und stimmige Momente geschaffen, die das Selbstwertgefühl, die Identität und das Zugehörigkeitsgefühl der Kinder stärken. Das Programm orientiert sich an den drei Kernprinzipien der Salutogenese: Bedeutsamkeit, Handhabbarkeit und Verstehbarkeit.  

Es hat große Freude bereitet zu beobachten, wie die Kinder sich im Rahmen der gemeinsamen Stunden entwickelt haben und mit welcher Leichtigkeit das Sprachenlernen gelingen kann, wenn das Umfeld und die Ausrichtung wertschätzend und wohlwollend sind.

Wir danken Debbie Adams und dem Team des Seddwell Centers für die wunderbare Zusammenarbeit und das gemeinsame Tun im Sinne der Gemeinschaft! Auch den Studierenden, die sich voll Engagement eingebracht haben, gilt unser Dank!

Literatur 

Antonovsky, A., & Franke, A. (1997). Salutogenese: Zur Entmystifizierung der Gesundheit (N. Schulte, Trans.). dgvt Verlag. 

Bryant Doreen. (2012). Lokalisierungsausdrücke im Erst- und Zweitspracherwerb: Typologische, ontogenetische und kognitionspsychologische Überlegungen zur Sprachförderung in DaZ (Vol. 2). Schneider. 

Krause, C. (2011). Developing sense of coherence in educational contexts: Making progress in promoting mental health in children. International Review of Psychiatry, 23(6), 525–532.   

Long, M. (1991). Focus on Form: A Design Feature in Language Teaching Methodology. In K. de Bot, R. B. Ginsberg, & C. Kramsch (Eds.), Studies in Bilingualism (Vol. 2, pp. 39–52). John Benjamins Publishing Company. 

Petzold, T. D. (2020). Gesundheit ist ansteckend: Praxisbuch Salutogenese (2. Auflage). Irisiana.

Petzold, T. D. (2024). Kokreativ gesund entwickeln: Salutogenese als radikal integratives Gesundheitskonzept. Verlag Gesunde Entwicklung.

Rotter, D. (2021). Lebensweltorientierung, Ressourcenorientierung und Focus-on-Form—Das interdisziplinäre Konzept der Lingusti-Sprachwerkstatt. In R. Freudenberg-Findeisen, C. Harsch, & A. Middeke (Eds.), Zur gesellschaftlichen Integration neu Zugewanderter – eine Bilanz. (pp. 95–114). Universitätsverlag. 

Rotter, D. (2024). Salutogene Kommunikation in der Sprachförderung mehrsprachiger Kinder – Impulse für die Lehrer*innenbildung. Der Mensch, 64/65(3–4), 20–25. 

Rotter, D. & Hopp, Carina. (2020). Lingusti – die kreative Sprachwerkstatt. Ein Begegnungsraum und Praxislabor für angehende Lehrpersonen und mehrsprachige Kinder. In K.-B. Boeckmann & B. Schrammel-Leber (Eds.), Sprachliche Bildung in der Migrationsgesellschaft (pp. 67–86). Leykam. 

Salutogen ausgerichtete Sprachförderung für mehrsprachige Kinder in Graz

Das Projekt wurde unter der Leitung von Prof. Dr. Daniela Rotter im Wintersemester 2022/23 an der Volksschule Bertha von Suttner gemeinsam mit den Studierenden der PH Steiermark Catrin Tiefenbacher und Lara Winter umgesetzt.   

  

Das Ziel des Projekts bestand in der Entwicklung und Erprobung von Unterrichtsmaterialien, die eine gesundheitsförderliche Interaktion und Kommunikation mit mehrsprachigen Kindern fördern sollten. Damit erfolgte eine spezifische Sprachlernunterstützung, die explizit selbstwertstärkend konzipiert wurde und durch eine achtsame und sprachbewusste Gesprächsführung realisiert wurde, um auf diese Weise sprachliche Lernprozesse anzuregen. Die doppelte Zielsetzung – Stärkung der Gesundheitsressource Selbstwert und Verbesserung der rezeptiven und produktiven sprachlichen Fähigkeiten in der Zweitsprache Deutsch – erscheint in Hinblick auf die Zielgruppe „mehrsprachige Schüler*innen“ besonders relevant und vielversprechend, da der Zweitspracherwerb Deutsch sehr stark mit der Identitätsentwicklung der Kinder verwoben ist.  

 
Durch die äußerst konstruktive Zusammenarbeit mit der Schulleitung und der DaZ-Lehrperson vor Ort konnte an 5 Schulvormittagen das innovative Konzept, bei dem es um die Verbindung von Salutogenese als Ansatz zur Stärkung von Gesundheit und Wohlbefinden mit einer sprachbewussten Gesprächsführung, erprobt werden. Es entstand ein Wohlfühlraum, der als salutogener Rückzugsort nun dauerhaft allen Schülerinnen und Schülern zur Verfügung steht. 

SprachSchatz beim 6. Steirischen Vorlesetag

Wir freuen uns sehr, in den Räumlichkeiten des EFSZ den Grazer Kindern im Rahmen des 6. Steirischen Vorlesetages am 1. Juli 2023 vorlesen zu dürfen. Es werden Geschichten auf Kroatisch, Türkisch, Deutsch und Italienisch vorgelesen. Alle Kinder (und deren Familien) zwischen 6 und 10 Jahren sind herzlich willkommen, um den Geschichten zu lauschen, mit uns ins Gespräch zu kommen und gemeinsam zu frühstücken.

Wann: 1. Juil 2023, zwischen 10 und 12 Uhr

Wo: Nikolaiplatz 4, 8020 Graz

In Kooperation mit dem Europäischen Fremdsprachenzentrum (EFSZ in Österreich)

Sommerwerkstatt 2020

In der Sommerwerkstatt 2020 wurde das Thema „So bin ich eben“ gemeinsam mit den Kindern erarbeitet. Dem Kernkonzept der
Sprachwerkstatt entsprechend, wurden verschiedene Aktivitäten und
Spiele konzipiert, um die Kinder einerseits in ihrer mehrsprachigen Persönlichkeitsentwicklung zu stärken und andererseits sprachliche Lernprozesse, insbesondere in Deutsch als Zweitsprache, anzuregen. Im Fokus steht dabei das deutsche Lokalisierungssystem, das im Sinne des Focus-on-Form-Ansatz (vgl. Rotter 2015) im Rahmen bedeutungszentrierter Aktivitäten fokussiert werden.

Für das 2-wöchige Programm werden für die Kinder bedeutsame Aktivitäten unter gleichberechtigter Berücksichtigung (sozial)pädagogischer und zweitsprachendidaktischer Zielsetzungen erstellt. In diesem Jahr wurden erstmals 2 Gruppen angeboten, u.a. um den Familien bzw. den Kindern, die aufgrund des Lockdowns weniger Gelegenheiten hatten die deutsche Sprache zu gebrauchen, ein ansprechendes Angebot zu machen. Gruppe 1 war von 9:00 bis 12:00 im Mehrgenerationenhaus Waltendorf. Gruppe 2 fand sich von 14:00 bis 17:00 ein. Insgesamt nahmen 20 Kinder an der Lingusti-Sprachwerkstatt teil. Neu war auch die Zusammenarbeit mit der Pädagogischen Hochschule Steiermark. 6 Studierende unterstützten das Team und sammelten so außerschulische Praxiserfahrungen in der Arbeit mit mehrsprachigen Kindern. 

Experimentier-Tag: buntes Seifenblasenbild

Als Grundlage für die Programmgestaltung diente wie jedes Mal ein Bilderbuch, das mit den Kindern gelesen und durch verschiedenste Aktivitäten erarbeitet wurde. Zusätzlich wurden naturwissenschaftliche Experimente durchgeführt, um den Kindern auch explizit bildungssprachliche Formulierungen anzubieten. Als kreatives Projekt wurde dieses Jahr ein kleiner Koffer gebastelt, in den die Kinder einerseits Dinge aus der Zeit in der Sprachwerkstatt geben und andererseits auch Erinnerungsstücke von Zuhause mitbringen konnten. Erinnerungskoffer stellen eine wertvolle Methode aus dem Bereich der Biographiearbeit dar (vgl. Rappl 2018) und wurden genutzt, um eine Reflexion der eigenen Biographie mit Kindern anzuregen. Diese dienten immer wieder als Redeanlässe und erlaubten uns die Kinder besser kennenzulernen.  

Bastelaktivitäten wurden von den Kindern sehr gerne aufgegriffen und dienen in der Sprachwerkstatt dazu, die behandelten Themen phantasievoll zu verarbeiten und einen eigenen Ausdruck dafür zu finden. Die Pädagoginnen nutzen diese Phasen wiederum, um einerseits die Interessen und Talente der Kinder zu erfahren und andererseits in dialogischen Situationen individuell sprachliche Aushandlungsprozesse anzuregen.

Unser 2-wöchiges Projekt: der Zoo entsteht…

An Tag 3 der ersten Woche wurden Stationen aufgebaut, um Experimente durchzuführen. Die Kinder entdeckten dabei physikalische Gesetze auf spielerische Art und Weise. Im Fokus standen dabei zusätzlich Bewegungsereignisse und deren sprachliche Realisierung. Die Kinder konnten sich im anschließenden Kreisgespräch in längeren Redebeiträgen erproben und einzelne schafften es auch komplexe Beobachtungen mit Hilfe der Pädagoginnen zu formulieren. Als kreatives Highlight dieses Experimentier-Tages wurden bunte Bilder mit Seifenblasen geschaffen, die an der Wäscheleine aufgehängt und nach dem Trocknen zerschnitten und in die Erinnerungskoffer wanderten. So entstand in der Gruppe ein gemeinsames Werk, von dem jedes Kind ein kleines Stück mit nachhause nehmen konnten.

Die fertigen Ergebnisse: unser gemeinsames Werk!

Einen besonderen Stellenwert in der Sprachwerkstatt hatte auch diesen Sommer die gemeinsame Jause. Die Vorbereitung sowie das gemeinsame Essen werden genutzt, um die Kindern besser kennenzulernen und mit ihnen ins Gespräch zu kommen. Dabei werden wiederum gezielt Formen in den Fokus genommen und interaktiv sprachliche Lernprozesse angeregt. Durch die gezielte Kontextoptimierung (Motsch 2004) und den Einsatz einer sprachsensiblen Gesprächsführung können so zahlreiche Situationen geschaffen werden, in denen die Kinder den Wortschatz hören und verarbeiten können. Im Laufe der Zeit werden die Kinder zu mehr Sprachproduktion angeregt. 

die gemeinsame Jause

Auch dieses Jahr hatten die Kinder die Möglichkeit, das Thema des Bilderbuches in einem kleinen Theater zu verarbeiten. Das Einfinden in verschiedene Rollen kann im Spiel dazu führen, dass die Kinder sich in ihren sprachlichen Äußerungen sicher fühlen und zu mehr Sprachproduktion angeregt werden. Auch erlebnispädagogische Aktivitäten eignen sich hervorragend, um die Kinder zu motivieren. Durch die Ergänzung um einen sprachlichen Fokus auf das deutsche Lokalisierungsystem werden die Kinder im Rahmen der Lingusti-Sprachwerkstatt für diesen besonders großen Stolperstein (vgl. Bryant) sensibilisiert.

die selbst gebastelte Verkleidung für das Theaterstück

Ein gelungenes Beispiel für die Verbindung spielerischer Aktivität mit gleichzeitigem Sprachfokus stellt sicherlich das Chaosspiel dar. Dieses wurde in der Lingusti-Sprachwerkstatt zum Abschluss der zwei Wochen gespielt. Die Kinder wurden dazu in Gruppen eingeteilt. Zuvor wurden Kärtchen mit den Ziffern 1-80 auf dem gesamten Gelände verteilt. Auf diese wurden im Vorfeld Formulierungen geschrieben, welche den Kindern durch unseren sprachlichen Input vermehrt zur Verfügung gestellt wurden und sich in der Sprachwerkstatt als bedeutsam herausstellten.  

Ein Auftrag im Chaos-Spiel